Unterkochen feiert im Jahr 2011 sein 875-jähriges Jubiläum

875 Jahre Unterkochen - Neues aus der Ortsgeschichte - Teil 1

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Lautes Sturmgeläut riss das Dorf Unterkochen in der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1674 kurz nach 23.00 Uhr aus dem Schlaf. Weithin sichtbar stand der sogenannte Pfarrhof auf dem Kirchberg in hellen Flammen. Auch im benachbarten Aalen schlug der Türmer Alarm, war doch erst dreißig Jahre zuvor fast die gesamte Reichsstadt nach der Schlacht von Nördlingen am 6. September 1634 durch Feuer zerstört worden. Ohne Zögern machten sich viele Bürger mit ihren ledernen Feuereimern auf den Weg in Richtung Erlau, um hier die Grenze der Fürstpropstei Ellwangen zu überschreiten und bei den Rettungsarbeiten zu helfen. Wie der Amtmann schon am nächsten Tag nach Ellwangen berichtete, „mochte es wohl viel härter hergangen sein“, wenn die „Statt Aalen nit mit ihrer Bürgerschaft das beste gethan hette“.

Von organisierten Löscharbeiten konnte natürlich kaum die Rede sein. Wasser war auf dem Berg noch ausgesprochene Mangelware. Daher gelang es nur durch mutigen Einsatz von Decken und Feuerpatschen das Übergreifen der Flammen auf die Kirche und die Schule zu verhindern. Der Funkenflug war so stark, dass selbst für die strohgedeckten Häuser unten im Dorf große Gefahr bestand. Während hier weiterer Schaden abgewendet werden konnte, kam für den Pfarrhof jede Hilfe zu spät. Neben den Wohn-, Arbeits- und Vorratsräumen des Pfarrers wurde auch der zum Anwesen gehörende Stall samt hier untergebrachtem Vieh völlig zerstört. Nur durch das Geschrei der Kuh sei der Ortsgeistliche überhaupt geweckt worden, berichtete der Unterkochener Amtmann nach Ellwangen. Da alles vernichtet sei, könnte er sich gar nicht mehr priesterlich, sondern nur noch bürgerlich kleiden.

Als Ursache des Feuers vermutete man Brandstiftung. So konnte der Dorfwirt von einigen Durchreisenden berichten, die als Brandsteuersammler bei ihm Rast gemacht und wilde Drohungen ausgestossen hätten, weil in Unterkochen der harten Zeiten wegen „nit nach ihrem Willen geraicht“ worden sei. Mit anderen Worten: die Almosensammler hätten im Dorf kein Geld erhalten und aus Rache das Feuer gelegt. 337 Jahre nach dem Vorfall lässt sich dieser Verdacht zwar nicht mehr beweisen, doch wird erkennbar, wie gefährlich das Leben auch zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges immer noch war.

Verblüffend schnell wurde der Wiederaufbau des zerstörten Anwesens eingeleitet. Schon zwei Wochen nach dem Brand lagen Kostenvoranschlag und Bauriss vor. Geld hatte die Unterkochener Kirchenpflege allerdings nicht. Das Hospital in Ellwangen und/ oder „Unsere liebe Frau“ zum Schönenberg sollte ein möglichst zinsloses Darlehen in Höhe von 300 bis 400 Gulden zur Verfügung stellen. Tatsächlich kamen 500 Gulden vom Schönenberg und aus Oberfischach. Während Maurer, Glaser und Schlosser aus Ellwangen Aufträge für den Wiederaufbau erhielten, stammte der Zimmermann Jacob Stütz aus Brastelburg, war also Untertan der Deutschordensritter auf der Kapfenburg. Den Transport der Baumaterialien übernahmen Bauern aus Schwabsberg und Buch mit ihren Gespannen. Für die nahezu 500 Holzfuhren von der Treppelmühl zum Unterkochener Kirchberg erhielten sie einen Lohn von insgesamt 85 Gulden. Zum Vergleich: die Glaserrechnung betrug 34 Gulden und der Maurer rechnete für seine Arbeiten 84 Gulden ab.

Mit Erstaunen nahm man in Ellwangen diese Kostenentwicklung zur Kenntnis. Schon im August 1674 war klar, dass die veranschlagte Bausumme von 500 Gulden um weitere 200 Gulden überschritten würde. Auf wiederholte Nachfrage berichtete schließlich der Amtmann an die Ellwanger Kanzlei, dass insbesondere beim Zimmermann aus Brastelburg das Problem liege. Dem rechtschaffenen Mann seien wegen „des Pfarrers stetem antreiben und Curiositet, die Arbeiten mit Holz und anderes stets gemehrt“ worden, aber fertig sei er längst noch nicht. Was bleib anderes übrig, als die „Notbremse“ zu ziehen? Ellwangen genehmigte den Innenausbau nur noch so, dass der „Pfarrer nach Nothdurft darin wohnen konnte“.

Dass Unterkochen auch wieder bessere Tag sah, belegt eine weitere Baumaßnahme auf dem Kirchberg. 1715 sprengten zwei Bergknappen aus Efringen am Hesselberg den neuen Schöpfbrunnen in den Fels. Mit 679 Gulden war er teuerer als das gesamte neue Pfarrhaus.

Dr. Roland Schurig
© Stadt Aalen, 20.04.2011

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