875 Jahre Unterkochen – Teil 3 –

Neues aus der Ortsgeschichte

Gemeinsam gegen die Wohnungsnot
Der Siedlungsverein Unterkochen 1919-1930

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Auf Luftbildern aus den 1930er Jahren ist die Ausweitung des Unterkochener Ortsbildes in nordwestlicher Richtung deutlich zu erkennen. Der Siedlungsweg, der bis heute zwischen Kocher- und Otto-Hahn-Straße verläuft, erinnert an die Zeiten, als auf dem Gelände zwischen Kocherkanal und Heulenberg die ersten Wohnungen entstanden. Etwas in Vergessenheit ist jedoch geraten, dass dieses Bauprojekt bereits wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begonnen und trotz größter wirtschaftlicher Schwierigkeiten über zehn Jahre lang fortgesetzt wurde.

Anfang November 1918 konnten die Bürgerinnen und Bürger von Unterkochen in der Aalener Tagespresse überraschende Neuigkeiten lesen. Schon am 9. Nov. wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Kaiser Wilhelm II. dankte ab und am 11. November beendete die Unterzeichnung des Waffestillstands im französischen Compiègne sämtliche Kampfhandlungen. Mit dem Rücktritt König Wilhelm II. von Württemberg am 28. November 1918 wurde das Königreich vom demokratischen Volksstaat abgelöst.

Am selben Tag informierte Schultheiß Mayer den Gemeinderat von Unterkochen über seine Gespräche mit Industriellen am Ort. Man gehe davon aus, teilte er mit, dass die heimkehrenden Soldaten nicht sofort in den Arbeitsprozess eingegliedert werden und kaum eine Wohnung finden könnten. Tatsächlich war das am 9. Mai 1919 eingerichtete Wohnungsamt der Gemeinde mangels Masse nicht in der Lage, Abhilfe zu schaffen. Auch die umgesetzte Verfügung des Innenministeriums zur Bekämpfung der Wohnraumnot brachte vier Monate später keine Besserung. Trotzdem bleiben Vermietungen ohne Genehmigung aus dem Rathaus bei Strafe verboten. Arbeitslose Personen unter 26 Jahren durften nicht mehr nach Unterkochen ziehen.

Mit Regelungen dieser Art wollte sich der Verwaltungschef allerdings nicht zufrieden geben. Er konnte sich eine Entspannung der Lage ohne eine Ausweitung des Wohnungsangebots nicht vorstellen. Allerdings verfügte die Gemeinde nicht über das notwendige Kapital. Nachdem aber auch die örtlichen Industriebetriebe auf neue Arbeitskräfte angewiesen waren, entstand eine bemerkenswerte Initiative. Wie Schultheiss Mayer am 12. Dezember 1919 dem Gemeinderat mitteilte, wollte die Papierfabrik Unterkochen der Gemeinde 150.000 Mark schenken, wenn sie das Geld für Siedlungszwecke einsetzte.

Die Spende wiederum war die Grundlage für die Gründung des Siedlungsvereins Unterkochen GmbH am 16. Dezember 1919. Laut Satzung sollte er „auf gemeinnütziger Grundlage und unter Berücksichtigung von kinderreichen Familien und Kriegsheimkehrern Heimstätten für die minderbemittelte Bevölkerung in Unterkochen schaffen“. Als einer von 14 Gesellschaftern erwarb die Gemeinde Unterkochen das eingangs erwähnte Baugelände von Müller Karl Benz für den Verein und übernahm die Bürgschaft für die Kredite. Schon am 22. Juli 1921 gab Schultheiß Mayer den endgültigen Feststellungsbescheid für die ersten 6 Heimstätten bekannt. Sie bestanden aus jeweils einem Doppelhaus mit je 2 Zimmern, 1 Kammer, 1 Wohnstube mit Kochflur, Keller, Holzlege und Kleinviehstall. Außerdem sollte ein 4-Familienhaus mit 3-Zimmerwohnungen, Küche und Gartenanteil entstehen. Bis zum Frühjahr 1922 wurden die Wohnungen mit einem Gesamtwert von 216.000 Mark bezugsfertig.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits drei weitere Doppelhäuser in Planung. Inflationsbedingt hatte sich die Bausumme allerdings auf 1.200.000 Mark erhöht. Bis zum Sommer 1923 entwickelte sich die aus dem Krieg übernommene Teuerung zu einer galoppierenden Inflation und in den folgenden Wochen zu einer Hyperinflation. 4,2 Billionen Papiermark entsprachen dem Wert eines Dollars. Für den Bau von 2 weiteren Doppelhäusern im Jahr 1923 benatragte der Sieldungsverein bei der Oberamtssparkasse einen Kredit von 30 und 40 Millionen Papiermark. Zwar zeigte sich der Gemeinderat von Unterkochen erneut bereit, die Bürgschaft zu übernehmen. Doch kam ein Baubeginn nicht mehr in Frage. Erst im Sommer 1925 konnte die Gemeinde wieder „unterstützend eingreifen“, indem sie vom württembergischen Gemeindetag eine Darlehenszusage über das neue Geld einholte, 100.000 Mark zu einem Zinssatz von 13 1/6%. Seit der Währungsreform 1923/24 entsprach 1 Billion Papiermark dem Wert einer Goldmark. Bis November 1925 entstanden 6 neuen Wohneinheiten. Geldknappheit und Kreditnot machten allerdings den Verkauf sehr schwierig. Millionen von Sparern hatten ihre Rücklagen verloren. Auch hier kam die Gemeinde den neuen Wohnungsinhabern entgegen.

Bürgschaftsleistungen und Stützungsmaßnahmen riefen schließlich die Ministerialabteilung für Bezirks- und Körperschaftsverwaltungen auf den Plan. Sie monierte, dass die Gemeinde 1919 dem Verein ohne Genehmigung und damit unzulässigerweise beigetreten sei. Schultheiß Mayer konnte das nachtgeholte Beitrittsgesuch jedoch gut begründen. Wie er nach Stuttgart schrieb, wäre „jedes andere Verfahren, die dramatische Wohnungsnot in Unterkochen zu regeln, wesentlich teurer gekommen und ohne noch größere finanziellen Opfer nicht möglich gewesen“.

Den Turbulenzen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise ab 1929 war der Siedlungsverein allerdings nicht mehr gewachsen. Am 14. November 1929 teilte Schultheiss Mayer dem Gemeinderat mit, dass die Gesellschafter bei der nächsten Mitgliederversammlung die Liquidation beantragen würden. Gleichwohl bleibt anerkennend festzustellen: Der Siedlungsverein hat 28 Wohneinheiten bis zum Oktober 1928 errichtet und damit das Wachstum Unterkochens unter schwierigsten Umständen im frühen 20. Jahrhundert ermöglicht.

Dr. Roland Schurig
© Stadt Aalen, 30.06.2011

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